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Der Holzfisch – Vom Holzklotz zum Meditations Totem

Meditations Totem

Es klopfte morgens an meiner Tür, ich öffnete. Ein junger, großer, freundlich lächelnder Mexikaner mit leicht verstruppeltem, dunklem Haar und Bart stand vor der Tür. Er war barfuß, trug eine etwas zerrissene kurze Hose und ein sportliches T-Shirt, in seinen Händen hielt er eine riesige Baumwurzel. Dieser unerwartete Besuch überraschte mich, da ich mich in Mexiko am Playa Zipolite in meinem Apartment befand, wo mich zuvor nie jemand aufsuchte. Er streckte mir das Stück Holz entgegen und sagte: „Es para ti, mira parece un pescado“, während er sprach, machte er mit dem Holz wellenförmige Bewegungen. Der große, schwere Holzstamm, der aussah wie ein Fisch, befand sich nun in meinen Armen. Verwirrt über dieses ungewöhnliche Geschenk, bedankte ich mich. Der Klotz stand für ein paar Tage auf unserer Terrasse in der Ecke. Ich wusste nichts mit dem seltsamen Geschenk anzufangen. Nach mehrmaligem umstellen fand ich für das Stück Holz direkt vor dem Meer auf unserer Terrasse einen Platz. Nach längerer Betrachtung berührte ich das Holz und gelangte in einen meditativen Zustand. Eine erstaunliche Verbundenheit ließ mich während der Meditation in unbekannte Welten meines inneren Seins eintauchen.

„Als Krafttier hat der Fisch etwas Tiefgründiges. Er kann in die Tiefe hinabgleiten und wieder zur Oberfläche zurückkehren. Wen der Fisch als Krafttier begleitet, dem kann Veränderung bevorstehen. Der Fisch kündigt Erkenntnis an: wir tauchen ab in die Tiefe unseres Sein, und lernen unser Potential zu erkennen.“ Zitat

Es folgten zwei regnerische Tage, an denen ich zusammen mit meiner neunjährigen Tochter Lilli, entschied diesen Holzfisch zu schleifen und anzumalen.
Ein Schleifgerät liehen wir uns von Carlos, einem der Söhne der mexikanischen Familie, bei der wir wohnten. Acrylfarbe gab es im Laden nebenan. Ein Gefühl der Freude über diese handwerkliche Tätigkeit erfüllte mich. Es war eine Eingebung, ein tiefes inneres Bedürfnis diesen Holzfisch zu bearbeiten.
Zum ersten Mal gab ich meiner Kreativität mittels einer handwerklichen Tätigkeit freien Lauf, nicht wie sonst am Computer. Zum ersten Mal schliff ich einen Holzstamm. Lilli half mir, denn sie hat so etwas schon öfter getan. Schleifen, basteln, werkeln waren schon immer genau Lillis Ding.

Direkt unter unserer Terrasse wurde gerade ein Dach aus Palmenblättern konstruiert. Ein kleiner, etwas pummeliger Arbeiter fragte, ob er kurz ein Gerät an unsere Steckdose anschließen dürfte. Während ich ihm antwortete, schaute mich der kleine Mexikaner an, als sei ich verrückt. Etwas später sah ich im Spiegel auch warum, irgendwie hatten sich sämtliche Holzspäne in meinem Gesicht abgelagert. Laut lachend und schockiert fragte ich meine Tochter, warum sie mir das nicht gesagt hat, sie lachte nur und machte ein Foto.


Nach dem Schleifen malten wir unsere Skulptur drei Tage lang an. Als der Fisch perfekt war, stellte ich ihn wieder an seinem Platz. Abends begann ich den Fisch anzuschauen und zu meditieren. Plötzlich begann der bunte Holzfisch zu leuchten, zu flimmern, die gemalten Objekte bewegten sich, veränderten sich. Es war, als ob der Holzfisch kommunizierte, in Form von Bewegungen, Farben und Emotionen. Der damalige Holzklotz war zu meinem Meditations-Totem geworden.

Der Termin des Abfluges rückte näher, was sollten wir mit unserem speziellen Holzfisch tun? Würden wir ihn mitnehmen, hätten wir eine wunderschöne Erinnerung. Jedoch war sein Platz in Zipolite am Meer und da wollte ich ihn auch wieder besuchen kommen können. Eine Freundin, hatte am letzten Tag vor unserer Abreise Geburtstag, ihr Name war Flor. Sie ist eine schöne, lachende Frau in der Blüte Ihres Lebens. Ursprünglich aus Tschechien, lebt sie seit einiger Zeit in Zipolite, hat braunes, lockiges Haar, ist Tänzerin und tief mit der Erde und dem Universum verbunden. Ich lernte sie beim Ecstatic Dance kennen, wo sie mich zu ihrem Workshop „Abundance“ einlud. Das Gefühl, Flor schon ewig zu kennen, ließ es geschehen, dass ich öfter plötzlich in deutscher Sprache mit ihr redete. In solchen Situationen antwortete Flor gewöhnlich mit einem „Jaaa“ oder einer Geste, ungeachtet der fremden Sprache, die sie nicht verstand. Wir fanden, dass der Fisch und Flor perfekt zueinander passten. Mit dem Moped und dem großen Mitbringsel aus Holz fuhren wir an unserem letzten Abend vor der Abreise zur Geburtstagsparty. Wir waren zum ersten Mal bei Ihr Zuhause. Die wunderschöne Terrasse mit Meerblick offerierte den perfekten Platz für unser Geschenk. Ich bin gespannt, ob auch Flor sondergleichens vom Holzfisch zu berichten hat. Den Mexikaner, der ihn mir schenkte, habe ich nie mehr gesehen.


Stay-Free

“In einer zerfallenden Gesellschaft muss die Kunst, wenn sie wahrheitsgetreu ist, diesen Zerfall widerspiegeln. Und wenn sie nicht von ihrer sozialen Funktion abweichen will, hat Kunst die Aufgabe, die Welt als veränderungsfähig darzustellen und zu ihrer Veränderung beizutragen.”- Ernst Fischer

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